"Freiheit entsteht nicht von selbst. Freiheit muss erkämpft werden."
Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls war das "Fest der Freiheit" rund um das Brandenburger Tor. Hier hatten sich am Montagabend die Staatsgäste und zehntausende Bürger in strömendem Regen versammelt. In ihrer Ansprache bezeichnete Bundeskanzlerin Merkel den 9. November als einen Tag der Freude, aber auch als einen Tag der Mahnung: Vor 71 Jahren sei in der Reichspogromnacht das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte aufgeschlagen worden. Beides zeige uns heute: "Freiheit entsteht nicht von selbst. Freiheit muss erkämpft werden."
Vor der Kanzlerin hatten drei Bürgerrechtler, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der britische Premierminister Gordon Brown, Russlands Präsident Dmitri Medwedew, US-Außenministerin Hillary Clinton und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, an die Überwindung der Spaltung Deutschlands und Europas sowie an die Aufteilung der Welt in Blöcke erinnert. Neben den Staats- und Regierungschefs der EU waren weitere Ehrengäste, wie die Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, Nelson Mandela und Kofi Annan, an die Spree gereist. Den krönenden Abschluss der Feier markierten der Fall einer symbolischen Mauer aus rund 1000 riesigen Dominosteinen und ein Feuerwerk über dem Brandenburger Tor.
Der Mauerfall ist nicht nur ein Feiertag für die Deutschen, sondern für ganz Europa
Am Nachmittag hatte die Kanzlerin zusammen mit dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow und dem Mitbegründer der polnischen Bewegung Solidarnosc, Lech Walesa, die frühere Grenze zwischen Ost und West überquert. Auf der Bösebrücke am früheren Grenzübergang Bornholmer Straße trafen die Politiker mit ehemaligen DDR-Bürgerrechtlern und Zeitzeugen zusammen, darunter Wolf Biermann, Joachim Gauck und Marianne Birthler. Die Kanzlerin verbindet mit der früheren Grenzbrücke persönliche Erinnerungen: Vor 20 Jahren war sie selbst über den Grenzübergang am S-Bahnhof Bornholmer Straße in den Westen gegangen.
Besonders würdigte die Bundeskanzlerin Lech Walesa und die Gewerkschafts-Bewegung Solidarnosc. Diese "mutige Erhebung" habe die kommunistischen Herrscher deshalb so getroffen, weil sie aus der Arbeiterschaft gekommen sei. Für die Menschen in der früheren DDR hingegen habe Solidarnosc eine "unglaubliche Ermutigung" bedeutet. Ausdrücklich bedauerte es die Kanzlerin, dass es so lange gedauert habe, erlittenes Unrecht in der DDR wieder gut zu machen. Enteignetes Land sei relativ leicht zurückzugeben im Gegensatz zu "verlorenen Lebenschancen, Angst, Sorge und Sippenhaft". Der Mauerfall sei nicht nur ein Feiertag für die Deutschen, sondern für ganz Europa.
Friedliches Zusammenleben nur mit einer neuen globalen Ordnung
Am Mittag hatte die Bundeskanzlerin auf der Wissenschaftskonferenz "Falling Walls" der Einstein Stiftung für eine neue globale Ordnung geworben. Nur wenn es gelinge, die Mauern im Denken einzureißen und mehr multilaterale Zusammenarbeit zu verwirklichen, ließen sich die Herausforderungen unserer Zeit, beispielsweise in der Finanz- oder Umweltpolitik, meistern. "Die spannendste Frage, um Mauern zu überwinden, wird sein: Sind die Nationalstaaten bereit und fähig, Kompetenzen an multilaterale Organisationen abzugeben - koste es, was es wolle", sagte Merkel. Als positive Beispiele nannte sie die Welthandelsorganisation oder die Europäische Union. Während die Europäer inzwischen darin geübt seien, auf Zuständigkeiten zu verzichten, hätten die Amerikaner beispielsweise damit noch Probleme.
Gottesdienst in der Gethsemane-Kirche
Mit einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Gethsemane-Kirche begannen am Morgen in Berlin die Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. An dem Gottesdienst nahmen neben Kanzlerin Merkel Bundespräsident Horst Köhler, Bundestagspräsident Norbert Lammert, mehrere Minister sowie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, teil. Die evangelische Kirche im Prenzlauer Berg war im Herbst 1989 mit zahlreichen Protestveranstaltungen und Gottesdiensten das Zentrum der Oppositionsbewegung im Osten Berlins.
Der evangelische Berliner Bischof Wolfgang Huber warnte vor einer Verharmlosung des DDR-Unrechts und mahnte, die damals erkämpfte Freiheit zu bewahren. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, rief die Menschen in Ost und West auf, "in Geduld und Ausdauer weiter Brücken zueinander zu bauen". Potenzielle Mauerbauer gebe es überall, auch heute. "Sie sollten nicht das Sagen haben".
