Merkel: „CO2-Zertifikate weltweit handeln“
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich für ein weltweites Kohlendioxid-Regime zur Eindämmung des Klimawandels ausgesprochen. „Es wäre wünschenswert, dass wir in Zukunft CO2-Zertifikate weltweit handeln und international überwachen, so dass wir CO2 dort einsparen, wo dies am billigsten und einfachsten geht“, sagte die Kanzlerin in der „Bild am Sonntag“. Es mache „wenig Sinn, mit riesigen Kosten in der Stahlindustrie letzte Einsparreserven zu mobilisieren, wenn an anderer Stelle, so zum Beispiel bei der Sanierung des gesamten Altbaubestandes, schneller deutlich günstigere Einsparungen erzielt werden können“.
Lesen Sie hier das Interview mit Angela Merkel:
Bild am Sonntag: Frau Bundeskanzlerin, Sie fahren diese Woche zum Welt-Klimagipfel nach Kopenhagen. Der UN-Generalsekretär erwartet ein „historisches Übereinkommen“. Sie auch?
Angela Merkel: Ich hoffe und tue alles dafür, dass uns in Kopenhagen eine historische Einigung auf die zentralen politischen Ziele gelingt. Ein völkerrechtliches Abkommen muss dann im nächsten Jahr mit den juristischen Details folgen.
BamS: Ihr Umweltminister Röttgen sagte vor einer Woche in BamS: Nur wenn sich die 192 Staaten in Kopenhagen auf Maßnahmen verpflichten, die den Anstieg der Erderwärmung unter 2 Grad halten, ist der Gipfel ein Erfolg. Wird das gelingen?
Merkel: Genau das ist der Punkt. Die Begrenzung der Erderwärmung ist der entscheidende Maßstab. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir eine solche Einigung schaffen können. Darüber habe ich in der vergangenen Woche auch mit den Ministerpräsidenten von China und Indien telefoniert, die wir für eine solche Einigung brauchen.
BamS: Bis 2050 soll der CO2-Ausstoß wettweit um 50 Prozent reduziert werden. Bis 2020 also in den kommenden zehn Jahren sollen es bereits 20 bis 30 Prozent sein. Das verlangt von den Bürgern und der Wirtschaft enorme Anstrengungen. Können Sie ihnen dafür garantieren, dass damit das Klima gerettet wird?
Merkel: Wir werden unsere ehrgeizigen Ziele nur erreichen, wenn Länder in allen Teilen der Welt ihren Beitrag dazu leisten. Deutschland ist hier weltweit ein Vorreiter. Aber weder ein Land noch ein Kontinent allein kann das Klima retten. In Kopenhagen geht es daher um globale Verantwortung. Hier kann sich kein Land aus der Pflicht stehlen. Ich kann den Bürgern aber sagen, dass aktiver Klimaschutz auch unsere wirtschaftliche Zukunft verbessert. Wer zuerst die Märkte für Umwelttechnologie erobert, hat auf Dauer gute Exportchancen und schafft Arbeitsplätze. Deutschland hat hier beste Voraussetzungen, mit mehr als einer viertel Million Arbeitsplätzen allein in der Branche der erneuerbaren Energien.
BamS: Sind Sie sich als Naturwissenschaftlerin völlig sicher, dass CO2 der Hauptgrund für die Erderwärmung ist?
Merkel: Es gibt keinen Zweifel, dass es einen von Menschen forcierten, einen beschleunigten Temperaturanstieg gibt. Die Gegner dieser sehr breit abgestützten wissenschaftlichen Erkenntnisse führen an, dass es oft in den langen Zeiten der Erdgeschichte starke Klimaschwankungen gegeben hat - auch Klimaschwankungen, die größer als zwei Grad Celsius waren. Es hat aber nach unseren Kenntnissen niemals einen so rapiden Anstieg der Temperatur gegeben, wie ihn die Wissenschaft voraussagt. Veränderungen kann man jetzt schon zum Beispiel auf Grönland sehen. Früher hatten Tiere und Pflanzen über Jahrtausende die Chancen, sich an den Klimawandel anzupassen. Heute nicht mehr. Und es haben auch noch nie so viele Menschen auf der Erde gelebt wie heute, nämlich 6,5 Milliarden. Ein großer Teil von ihnen lebt an den Küsten und ist damit von einem Anstieg des Meeresspiegels besonders betroffen. Im Übrigen: selbst wenn man Zweifel am Klimaschutz hat - ich habe sie nicht -, ist ein vernünftiger Umgang mit wertvollen und endlichen Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas und ein nachhaltiges Wirtschaften geboten. Im Jahr 2050 werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Das wird nicht ohne einen schonenden Umgang mit der Umwelt gehen.
BamS: Seit der Mensch die Kunst des Feuermachens beherrscht, verbrennt er zu seinem Wohl und Fortschritt alles, was brennt. Wie sehr wird der Kampf gegen die Erderwärmung unser Leben verändern müssen?
Merkel: Der Mensch war über das Feuer ja besonders glücklich, weil er sich daran wärmen konnte. Wenn wir durch technischen Fortschritt heute Wärme zum Beispiel ebenso aus der Erde gewinnen können, wie durch das Verbrennen von Kohle oder Erdöl, dann werde ich mich doch immer für die Wärmequellen entscheiden, die es mir ermöglichen, der nachfolgenden Generation genügend Ressourcen zu hinterlassen. Der heute weltweit verwendete Begriff der Nachhaltigkeit kommt ja aus der deutschen Forstwirtschaft. Schon vor über 100 Jahren galt da als Ziel: Man verbraucht nur so viel Holz, wie nachwächst.
BamS: Werden wir 2020 noch mit Verbrennungsmotoren fahren?
Merkel: Wir werden 2020 noch überwiegend mit Verbrennungsmotoren Auto fahren. Die technische Wende hin zu neuen Antriebstechnologien ist dann aber schon eingeleitet. Wir haben jetzt mehr als 40 Millionen Pkw in Deutschland. Unser Ziel ist es, bis 2020 eine Million Elektroautos zu haben. Wir werden auch mehr Hybridautos haben. Der Wandel wird also 2020 voll begonnen haben, aber er wird noch nicht abgeschlossen sein. Das sehen sie auch bei Windkraft oder Bioenergie - die Veränderung kommt am Anfang sehr langsam in Gang. Dann entwickelt sie Eigendynamik, nimmt an Geschwindigkeit zu.
BamS: Wann werden Benzin- und Dieselmotoren „ausgestorben“ sein?
Merkel: Das kann man noch nicht absehen, zumal die Motoren ja sparsamer werden. Klar ist: Die Industrieländer müssen bis 2050 mindestens 80 Prozent ihrer CO2-Emissionen einsparen, wenn wir das Zwei-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung einhalten wollen. Auf den Verkehrsbereich entfallen knapp 20 Prozent der Emissionen. Da können wir noch viel mit technischen Verbesserungen erreichen. Dennoch muss langfristig schon wegen der begrenzten Ölvorkommen in der Welt ein großer Anteil der Fahrzeuge alternative Antriebe haben.
„Wir werden unser Leben verändern, sodass wir uns weiter wohlfühlen“
BamS: Müssen wir - wie es unter anderen Paul McCartney vorgeschlagen hat - weniger Fleisch essen, weil die Darmgase von Rindern und Schafen mehr CO2 verursachen als der Individualverkehr?
Merkel: Ich will hier keine Konsum-Vorgaben verkünden, aber das Gesundheitsbewusstsein der Menschen steigt doch ständig. Wir werden in vielem lernen, bewusster zu leben. Wohlstand ist nicht in erster Linie eine Frage der Verbrauchsmenge, sondern es hat auch etwas mit Wohlbefinden zu tun. Wir werden unser Leben verändern, sodass wir uns weiter wohlfühlen. Wenn wir an den Beginn des notwendigen Wandels die Angst vor Verzicht stellen, dann blockieren wir uns unnötig und verspielen unsere Zukunft.
BamS: Müssen die Bürger, solange fast ausschließlich mit fossilen Brennstoffen wie Öl, Kohle und Gas geheizt wird, die Temperaturregler nach unten drehen?
Merkel: Jeder kann es auch in Zukunft warm haben. Und zugleich hat jeder auch durch die gestiegenen Energiepreise ein Eigeninteresse, Energie nicht zu verschwenden. Wir werden zusätzlich Anreize zur Öko-Sanierung und Wärmedämmung von Wohnungen und Häuser geben. Wir wollen zudem in dieser Legislaturperiode die rechtlichen Bedingungen für Öko-Sanierungen verbessern. Das kommt Vermietern und Mietern zugleich zugute. Die Mieter profitieren nach einer Wärmesanierung von den deutlich geringeren Nebenkosten.
BamS: Brauchen wir ein weltweites CO2-Regime?
Merkel: Es wäre wünschenswert, dass wir in Zukunft CO2-Zertifikate weltweit handeln und international überwachen, sodass wir CO2 dort einsparen, wo dies am billigsten und einfachsten geht. Es hat wenig Sinn, mit riesigen Kosten in der Stahlindustrie letzte Einsparreserven zu mobilisieren, wenn an anderer Stelle - zum Beispiel bei der Sanierung des gesamten Altbaubestandes - schneller deutlich günstigere Einsparungen erzielt werden können.
BamS: Welchen deutschen Beitrag werden Sie in Kopenhagen anbieten können?
Merkel: Wir haben uns als Europäer unter der deutschen Präsidentschaft verpflichtet, bis 2020 unsere Treibhausgasemissionen um 20 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 zu reduzieren. Ich hoffe, dass die Beiträge aus den anderen Regionen der Welt so ausfallen, dass Europa sogar eine Reduktion um 30 Prozent zusagen kann. Das haben wir für den Fall angeboten, dass andere Staaten vergleichbare Anstrengungen zusagen. Deutschland kann sogar bis zu 40 Prozent erreichen. Eine Option ist auch, dass in Kopenhagen die nächsten Stufen der Verringerung der Treibhausgasemissionen für 2025 und 2030 festgelegt werden.
BamS: Aktuellen Berechnungen zufolge wird die Erreichung der angestrebten Klimaziele die deutsche Wirtschaft in den nächsten elf Jahren mit 310 Milliarden Euro belasten. Ist das verkraftbar?
Merkel: Ich kann diese Zahl nicht überprüfen. Viele Investitionen führen natürlich auch zu einer höheren Effizienz in der Produktion, niedrigeren Energiekosten und neuen Produkten, die Wachstum schaffen. Schauen Sie nach Amerika, wo Präsident Obama mit viel Einsatz neue Umwelttechnologien fördert. Unser Interesse ist, dass das beste Produkt überall die besten Chancen hat. Deshalb kämpfen wir dafür, dass es nicht in der Krise zu neuen Handelsbeschränkungen kommt, sodass Staaten ihre Märkte abschotten.
BamS: Sie gehen davon aus, dass unter dem Strich die deutsche Wirtschaft von den Veränderungen eher profitieren als draufzahlen wird?
Merkel: Ja. Ich denke, dass die kommende Entwicklung uns insgesamt Vorteile bietet. In der Vergangenheit hat die Einführung neuer Umwelttechnologien Wachstum gebracht. Allerdings werden wir nicht zulassen, dass Deutschland und die anderen europäischen Industriestaaten weit vorangehen beim Klimaschutz, andere nichts tun und dann Arbeitsplätze bei uns abwerben mit dem Argument, weniger Kosten für den Klimaschutz. Das ist mit mir nicht zu machen, und deshalb brauchen wir ein globales Abkommen.
BamS: Für viele in der weltweiten Klimaschutzbewegung ist der Kampf gegen CO2 zu einer Art Ersatzreligion geworden. Wie sehr schadet es dem ursprünglichen Anliegen, dass manche Gruppen damit ganz andere Ziele wie globale Umverteilung oder sozialistische Wirtschaftsmodelle durchsetzen wollen?
Merkel: Viele Gruppen kämpfen darum, wie Globalisierung menschlicher gestaltet werden kann. Das ist auch ein Thema in der deutschen Politik. Und ein Stück Leidenschaft gehört zum Einsatz für eine Sache dazu. Der eine ist ein leidenschaftlicher Forscher, der andere ein leidenschaftlicher Politiker oder Umweltschützer. Und wenn ich mit Leidenschaft für den Klimaschutz Politik mache, dann brauche ich die konstruktive Auseinandersetzung mit Nicht-Regierungsorganisationen. Solange Gruppen in der Gesellschaft gewaltfrei und mit interessanten Ideen auftreten, bringt es Menschen zum Nachdenken. Das ist mir recht.
Mit der CDU-Vorsitzenden, Bundeskanzlerin Angela Merkel, sprachen Michael Backhaus, Martin S. Lambeck und Walter Mayer. In: Bild am Sonntag vom 13.12.2009.
